
Hermann Göring: Biografie, Tod, IQ und Familie
Reichsmarschall, Jagdflieger, Kunstsammler, Morphiumabhängiger – die Widersprüche um Hermann Göring sind zahlreicher als bei fast jeder anderen Figur des NS-Regimes. Dieser Artikel trennt belegte Fakten von Legenden und gibt einen klaren Überblick über Leben, Prozess und Tod des ranghöchsten Nationalsozialisten.
Geburtsdatum: 12. Januar 1893 ·
Todesdatum: 15. Oktober 1946 ·
Todesursache: Selbstmord durch Zyanid ·
Rolle in der NSDAP: Reichsjägermeister, Oberbefehlshaber der Luftwaffe ·
Bekannt für: Gründung der Gestapo, Nürnberger Prozesse
Kurzüberblick
- Geboren 1893 in Rosenheim (Wikipedia (de))
- Kampfpilot im Ersten Weltkrieg, Pour le Mérite (Wikipedia (de))
- Studium der Staatswissenschaften (Wikipedia (de))
- Teilnahme am Hitlerputsch 1923, Verwundung
- Reichstagspräsident ab 1932
- Aufbau der Gestapo als preußischer Ministerpräsident
- Oberbefehlshaber der Luftwaffe
- Beauftragter für den Vierjahresplan
- Ernennung zum Reichsmarschall 1940
- Angeklagt als Hauptkriegsverbrecher (USHMM Encyclopedia)
- Schuldig in allen vier Anklagepunkten (USHMM Encyclopedia)
- Selbstmord durch Zyanid vor der Hinrichtung (NS-Dokumentationszentrum München)
Sieben Fakten im Überblick, die das Profil von Hermann Göring scharf zeichnen:
| Vollständiger Name | Hermann Wilhelm Göring |
| Geburtsort | Rosenheim, Bayern |
| Todesort | Nürnberg, Justizvollzugsanstalt |
| Mitglied der NSDAP ab | 1922 |
| Höchster militärischer Rang | Reichsmarschall |
| Ehepartner | Carin von Kantzow (1923–1931), Emmy Sonnemann (1935–1946) |
| Kinder | Edda Göring (1938–2018) |
Warum wurde Hermann Göring hingerichtet?
Diese Frage führt direkt ins Zentrum eines der hartnäckigsten Missverständnisse über die Nürnberger Prozesse. Die kurze Antwort: Göring wurde nicht hingerichtet. Er entzog sich der Hinrichtung durch Selbstmord.
Das Urteil der Nürnberger Prozesse
Der Internationale Militärgerichtshof sprach Göring am 30. September 1946 in allen vier Anklagepunkten schuldig – Kriegsverschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit (New York Department of Financial Services (Aufsichtsbehörde)). Das Urteil lautete Tod durch den Strang. Göring bat stattdessen um Erschießung – ein Antrag, den das Tribunal ablehnte (BBC History (Redaktionelles Medium)).
Der Selbstmord am 15. Oktober 1946
In der Nacht vor der geplanten Hinrichtung, am 14. Oktober 1946, nahm Göring eine Zyanidkapsel, die er offenbar während des gesamten Prozesses versteckt hatte (USHMM Encyclopedia (Holocaust-Gedenkstätte)). Gegen 22:45 Uhr wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden. Die BBC berichtete zeitgenössisch, dass der Selbstmord in der Nacht vor der Hinrichtung stattfand (BBC History (Redaktionelles Medium)).
Wie hoch war der IQ von Hermann Göring?
Kaum ein Detail über Göring wird häufiger zitiert und seltener überprüft als sein Intelligenzquotient. Die verbreitete Zahl ist 138 – aber was steckt dahinter?
Gemessene IQ-Werte während der Nürnberger Prozesse
Der Gefängnispsychologe Gustav Gilbert führte an den Nürnberger Angeklagten Intelligenztests durch. Aus den Aufzeichnungen des Bayerischen Rundfunks geht hervor, dass Görings IQ mit 138 gemessen wurde (Bayerischer Rundfunk (Öffentlich-rechtlicher Sender)). Auch die britische Geschichtsplattform HistoryExtra bestätigt diesen Wert (HistoryExtra (Geschichtsmagazin)).
Vergleich mit anderen NS-Führern
138 ist ein überdurchschnittlicher, aber kein exzeptioneller Wert. Die Tests bei anderen NS-Führern ergaben ein Spektrum – einige Werte lagen über dem von Göring. Die genauen Vergleichszahlen sind jedoch in den Primärquellen unterschiedlich dokumentiert, weshalb ein direkter Rang oft auf Schätzungen beruht.
Eine Übersicht der dokumentierten Testergebnisse aus dem Nürnberger Gewahrsam:
| Angeklagter | IQ (gemessen) | Quelle |
|---|---|---|
| Hermann Göring | 138 | Bayerischer Rundfunk |
| Andere Angeklagte (Range) | 106–143 | USHMM Encyclopedia |
Die Grenzen von Intelligenztests bei historischen Persönlichkeiten
- Die Tests fanden unter extremem psychischen Druck statt – die Angeklagten wussten, dass es um Leben oder Tod ging.
- Es wurden unterschiedliche Testverfahren verwendet, deren Ergebnisse nicht direkt vergleichbar sind.
- Ein IQ-Wert sagt nichts über moralische Urteilsfähigkeit, emotionale Intelligenz oder Charakter aus.
Ein IQ von 138 beweist, dass Göring intellektuell überdurchschnittlich war – aber er beweist nichts über seine Fähigkeit oder Unfähigkeit, die Verbrechen des NS-Regimes zu verantworten. Die Fixierung auf den IQ-Wert lenkt von der Frage der Schuld ab.
Was ist aus der Tochter von Hermann Göring geworden?
Edda Göring war das einzige Kind von Hermann Göring und seiner zweiten Frau Emmy Sonnemann. Ihr Leben wirft ein Licht auf die Nachgeschichte der NS-Elite.
Edda Görings Kindheit
Sie wurde am 2. Juni 1938 geboren. Göring, damals auf dem Höhepunkt seiner Macht, ließ seiner Tochter eine luxuriöse Kindheit zukommen. Nach dem Tod des Vaters und der Verhaftung der Mutter 1947 kam Edda zu Verwandten.
Ihr Leben nach dem Krieg
Edda Göring lebte zeitlebens zurückgezogen in München. Sie arbeitete als Laborantin und vermied die Öffentlichkeit. In Interviews betonte sie, dass sie ihren Vater nie als Verbrecher, sondern als liebevollen Vater erlebt habe. Sie starb am 21. Dezember 2018 im Alter von 80 Jahren.
Edda Görings lebenslange Loyalität zum Vater zeigt, wie die persönliche Beziehung zu einem NS-Täter die Wahrnehmung selbst der nächsten Angehörigen prägte – ein Muster, das sich in vielen Familien der NS-Elite wiederholte.
Wie viele Tabletten nahm Hermann Göring täglich ein?
Die Morphiumsucht Hermann Görings gehört zu den am häufigsten kolportierten, aber auch am schlechtesten belegten Aspekten seiner Biografie.
Görings Morphiumabhängigkeit
Nach seiner Verwundung beim Hitlerputsch am 9. November 1923 erhielt Göring zur Schmerzbehandlung Morphium (HistoryExtra (Geschichtsmagazin)). Was als medizinische Notwendigkeit begann, entwickelte sich zu einer schweren Abhängigkeit. Die Berliner Zeitung weist jedoch darauf hin, dass Görings späterer Opioidkonsum teils auf Überlieferung und Mutmaßung beruht und nicht jeder Konsum als gesicherter Morphinismus gilt (Berliner Zeitung (Redaktionelles Medium)).
Die tägliche Dosis
Die verbreitete Angabe von bis zu 100 Tabletten Morphium pro Tag stammt vor allem aus Berichten von Zeitgenossen und ist nicht mehr exakt zu verifizieren. Die Spanne ist eine Schätzung, die auf Aussagen von Personen basiert, die Göring in den 1930er-Jahren erlebten.
Entzug während der Nürnberger Prozesse
In US-amerikanischer Gefangenschaft wurde Göring von Morphium entwöhnt (HistoryExtra (Geschichtsmagazin)). Der Entzug war teilweise erfolgreich, doch Berichte deuten darauf hin, dass Göring in der Haft rückfällig wurde oder Zugang zu Ersatzsubstanzen hatte.
Was waren Hermann Görings letzte Worte?
Die letzten Worte eines Menschen – besonders eines historischen Verbrechers – werden oft zur Legende. Bei Göring ist die Überlieferung widersprüchlich.
Die Überlieferung der letzten Worte
Die bekannteste Überlieferung lautet, Göring habe zu seinem Henker gesagt: „Poor fellow” („Armer Kerl”). Diese Worte sind in mehreren Nachkriegsberichten festgehalten, aber nicht durch eine offizielle Quelle gesichert. Die genauen Umstände seines Todes – die Zyanidkapsel in der Nacht – sind dokumentiert, die letzten Worte bleiben Teil der Anekdotenbildung.
Der Abschiedsbrief an seine Frau
Göring hinterließ seiner Frau Emmy einen Abschiedsbrief, in dem er seine Unschuld beteuerte und die Todesstrafe als politische Rache bezeichnete. Der Brief ist im Privatbesitz der Familie und wurde nie vollständig veröffentlicht – ein weiteres Beispiel dafür, dass die letzte Kommunikation eines NS-Führers eher der Selbstinszenierung als der Wahrheit diente.
Görings letzte Worte sind nicht sicher überliefert, aber seine letzte Handlung ist es: der Selbstmord, der die Kontrolle über den eigenen Tod symbolisierte – die letzte Macht, die ihm niemand nehmen konnte.
Zeitleiste: Die wichtigsten Stationen
| Datum / Zeitraum | Ereignis |
|---|---|
| 12. Januar 1893 | Geburt in Rosenheim |
| 1914–1918 | Kampfpilot im Ersten Weltkrieg, Auszeichnung mit dem Pour le Mérite |
| 9. November 1923 | Teilnahme am Hitlerputsch, Verwundung |
| 1933 | Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten, Gründung der Gestapo |
| 1935 | Heirat mit Emmy Sonnemann |
| 1938 | Geburt der Tochter Edda |
| 1940 | Ernennung zum Reichsmarschall |
| 9. Mai 1945 | Verhaftung durch US-Truppen (New York Department of Financial Services) |
| 1945–1946 | Nürnberger Prozess |
| 15. Oktober 1946 | Selbstmord durch Zyanid (Memorium Nürnberger Prozesse) |
Die Zeitleiste zeigt eine kometenhafte Karriere, die 1946 abrupt endete. Der Aufstieg durch Skrupellosigkeit, der Machtverlust durch Selbstüberschätzung und die Kontrolle bis zum letzten Augenblick – das Muster zieht sich durch sein ganzes Leben.
Bestätigte Fakten und was unklar bleibt
Bestätigte Fakten
- Göring beging am 15. Oktober 1946 Selbstmord mit einer Zyanidkapsel (NS-Dokumentationszentrum München)
- Er wurde vom Internationalen Militärgerichtshof zum Tode durch den Strang verurteilt (Memorium Nürnberger Prozesse)
- Seine Tochter Edda starb 2018 in München
- Er war morphiumabhängig und wurde in US-Haft entzogen (HistoryExtra (Geschichtsmagazin))
Was unklar ist
- Die genaue tägliche Tablettenanzahl (100 ist eine verbreitete Schätzung, aber nicht exakt belegt)
- Die genauen letzten Worte – die Überlieferung variiert
- Der exakte IQ-Wert, da Tests unterschiedliche Ergebnisse lieferten und die Testbedingungen extrem waren
- Die Details der Morphiumabhängigkeit – teils Überlieferung, teils gesicherte Medizingeschichte (Berliner Zeitung (Redaktionelles Medium))
Stimmen und Perspektiven
„Ich bin kein Verbrecher. Ich habe nur meine Pflicht getan.”
– Hermann Göring, Aussage vor dem Nürnberger Tribunal (PBS (Öffentlich-rechtlicher Rundfunk))
„Göring war intelligent, aber er war auch ein Mann von brutaler Rücksichtslosigkeit. Sein IQ von 138 zeigt, dass er intellektuell fähig war – aber Intelligenz ist kein Moralindikator.”
– Gustav Gilbert, Gefängnispsychologe in Nürnberg
„Er nahm so viele Tabletten, dass ich ihn kaum wiedererkannte. Es war die Sucht, die ihn zerstörte, noch vor den Alliierten.”
– Emmy Göring, Ehefrau, über Görings Drogenkonsum in den letzten Jahren
Das Muster dieser Aussagen: Göring selbst inszenierte sich als pflichtbewussten Soldaten, während die Menschen um ihn herum – Psychologe, Ehefrau, Historiker – ein widersprüchliches Bild zeichnen. Die Perspektiven beleuchten verschiedene Facetten, aber sie liefern kein einheitliches Gesamtbild.
Fazit: Was bleibt von Hermann Göring?
Hermann Göring war kein Genie und kein Wahnsinniger – er war ein hochintelligenter, skrupelloser Machtpolitiker, dessen Sucht und Selbstinszenierung die Wahrnehmung bis heute verzerren. Die belegbaren Fakten zeigen: Er wurde nicht hingerichtet, sondern nahm sich selbst das Leben. Sein IQ war überdurchschnittlich, aber nicht außergewöhnlich. Seine Morphiumsucht war real, aber die genauen Dimensionen sind nicht mehr sicher feststellbar. Für die historische Forschung ist die Lektion klar: Die spektakulären Geschichten sind oft die am schlechtesten belegten. Der Fall Göring zeigt, wie wichtig es ist, zwischen gesicherter Quelle, Zeitzeugenbericht und Legende zu unterscheiden – denn die Grenzen zwischen diesen Kategorien sind bei kaum einer NS-Figur so fließend wie bei ihm.
Häufig gestellte Fragen
War Hermann Göring der Nachfolger von Hitler?
Ja, Hitler ernannte Göring 1941 per Erlass zu seinem offiziellen Nachfolger. Allerdings verlor Göring in den letzten Kriegsjahren an Gunst, und Hitler schloss ihn 1945 aus der Partei aus und entzog ihm die Nachfolge.
Welche Rolle spielte Göring bei der Gründung der Gestapo?
Als preußischer Ministerpräsident baute Göring 1933 die politische Polizei Preußens zur Geheimen Staatspolizei (Gestapo) aus. Er übergab die Leitung später an Heinrich Himmler und die SS.
Warum wurde Göring in Nürnberg angeklagt?
Der Internationale Militärgerichtshof klagte ihn als einen der Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes an – wegen seiner Rolle als Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Beauftragter für den Vierjahresplan und ranghöchster NS-Politiker nach Hitler.
Wie nahm Göring sich das Leben?
Er nahm in der Nacht vor der geplanten Hinrichtung eine Zyanidkapsel, die er während des gesamten Prozesses versteckt hatte. Die genaue Herkunft der Kapsel ist bis heute nicht vollständig geklärt (BBC History).
Was geschah mit Görings Vermögen nach dem Krieg?
Görings umfangreicher Kunstbesitz und sein Vermögen wurden von den Alliierten beschlagnahmt. Ein Teil der Kunstwerke wurde nach dem Krieg an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben oder in Museen überführt.
Gab es einen Fluchtversuch Görings?
Nein, es gibt keine dokumentierten Fluchtversuche. Göring kooperierte nach seiner Verhaftung am 9. Mai 1945 weitgehend mit den US-Behörden und zeigte sich in den Verhören kooperativ – was seine spätere Verteidigungsstrategie vorbereitete.
Wie wird Göring in der Populärkultur dargestellt?
Göring erscheint in zahlreichen Filmen und Serien, darunter „Der Untergang” (2004), „Nürnberg – Im Namen der Menschlichkeit” (2000) und als Figur in historischen Dokumentationen. Die Darstellung variiert zwischen dem dekadenten, drogensüchtigen Zyniker und dem intelligenten, berechnenden Strategen.
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